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Wer von Religion nichts weiß, glaubt schließlich alles
Vortrag von Pfarrer Rainer Holl bei der Gemeindeversammlung 2010

Religion ist ein vermintes Gelände und nicht ungefährlich – seelisch und finanziell.
Es gibt ein riesiges Angebot an Religion.
Die evangelische und die katholische Kirche haben längst nicht mehr das Monopol in Sache Religion (hatten sie noch nie! Schon gar nicht zu biblischen Zeiten).

Viele Menschen haben Enttäuschungen auf religiösem Gebiet erlebt, mit der Folge, dass sie in tiefe Verunsicherungen gerieten und oft viel Geld verloren haben.
Nicht nur Wahnsinnspreise zahlten sie etwa für die Scientology, auch die Kirchensteuer summiert sich oft ganz beträchtlich.

Darum sind nicht wenige aus der Kirche ausgetreten. Das war ihre „Religiöse Unabhängigkeits-erklärung“. Sie wollten sich jetzt lieber selber orientieren, unabhängig von der Kirche, die man ja längst kannte: „Religion? Das ist langweilig!“ so schon im Originalton vieler Schüler.

Da gibt es doch ganz andere, faszinierendere Angebote:
Etwa das uralte Schamanenwissen.
Was ist schon ein Sonntagsgottesdienst gegen die Nacht in einer Schwitzhütte?

Zen-Meditation: endlich zu sich selbst finden, innere Ruhe erfahren. Das ist so selbstverständlich geworden dass es heute Buddha-Köpfe in jedem Möbelhaus gibt. Oder eine Reise nach Japan in ein Zen Kloster – sollte man sich so etwas nicht doch mal leisten?

Reinkarnation als Rettung vor der Höllenangst. Die große Hoffnung: – jeder hat noch mal einen 2. oder gar  3. Versuch.

Und in der Kirche? Schreckliche Erinnerungen an auswendig gelernte Lieder, Bibelsprüche, die Konfirmandenprüfung... Das hofft man abzuschütteln mit Religion light.

Wo ist der einfache Weg zu Gott oder zumindest zum Seelenfrieden?

Die hier genannten Versuche führen doch immer wieder – wenn sie ernsthaft sind - zu einer schnellen Enttäuschung!
Schamanen führen in erschreckende Bereiche der Seele. Nur mit großer Vorsicht darf man den Weg ins Innere gehen. Und niemals ohne einen verantwortungsvollen Führer.
Das ist nicht nur faszinierend, sondern auch sehr fremd und oft erschreckend!

Zen-Meditation: Hat Karl Valentin  Zenmeditation versucht? Man könnte es meinen, denn er notiert einmal: „Gestern in mich gegangen. War auch nichts los“.

 Meditation ist die Konfrontation mit sich selbst: sich leer machen, alle Unruhe meiden, ganz im Gegenwärtigen sein.

Das ist ein mühsamer Weg. Übrigens: Zen-Meister schickten gerne solche Zöglinge, die nach schneller Erleuchtung drängelten - zum Kloputzen, damit sie wieder auf den Boden finden.

Reinkarnation ist für Hindus auch kein Trost, sondern eine Strafe. Nicht die ständige Wiederholung, sondern der  Ausstieg aus dem Rad der Wiedergeburt ist das Ziel. Dahinter steht die unerbitterliche Lehre vom Karma, die besagt, dass jede Tat ihre Folgen hat, die man ausbaden muss. Eigentlich erinnert das doch sehr an die Hölle, wo die Strafe für die Vergehen wartet.

Bei den exotischen Angeboten ist es für uns Europäer schwer, Echtes vom Schein zu unterscheiden. Darum ist die Suche in der eigenen Kultur sinnvoller. Hier sind wir zu Hause. Hier hilft uns die Vernunft, dass Wissen bei der nötigen Unterscheidung.

*

Das gewissenhafte Unterscheiden geht nicht ohne Schmerzen ab, das weiß jeder Student der Theologie. Denn das heißt oft: ich muss vertraute Vorstellungen aufgeben. Ich muss genau hinschauen und kritisch  sein.

Die Vernunft stellt Fragen. Dem habe ich Stand zuhalten.

Ich möchte das an dem Beispiel von Jesus und dem sinkenden Petrus zeigen. (Mt.14,22-33;).
Ist jemand dann ein gläubiger Christ, wenn er sagt: „ Jesus kann übers Wasser laufen“?

Die Vernunft sagt: Das geht doch nicht (Es gibt das Gesetz von Auftrieb und Abtrieb)

Wer hat Recht? Gibt es da nur ein Entweder – oder?

Glaube ist aber nun nicht irgendeine Meinung, die man von übernatürlichen Ereignissen hat, sondern eine Art zu leben, die allerdings der sogenannten Lebenserfahrung oft widerspricht.

Schauen wir uns die Szene auf dem See Genezareth an: Jesus kommt auf dem Wasser – die Jünger erschrecken und schreien „ein Gespenst!“, weil sie wissen, dass das eigentlich nicht geht. Nur Gespenster können auf dem Wasser gehen.
Petrus wagt es trotzdem und sagt sich: Ich muss Jesus nachfolgen. Also ruf mich!.

Und Jesus sagt: Komm!

Die Reaktion der Jünger kann man sich leicht vorstellen: „Du spinnst, Petrus. Da gehst du unter! Bist du verrückt geworden?!

Solche Reaktionen kommen uns durchaus bekannt vor, wenn es zB  um die Bergpredigt geht. So kommt man in dieser Welt nicht zurecht! Wenn dich einer auf die rechte Backe schlägt, dann halte ihm die linke hin. Wo kommt man denn da hin?! Man muss sich doch wehren und, darf sich nicht alles gefallen lassen, sonst geht man unter.

Petrus wagt es trotzdem – und es geht, er kann Jesus entgegen gehen. Bis er dann doch Bedenken kriegt und der „Realismus“ in seinen Gedanken Oberhand gewinnt. Da erschrickt er und geht unter.

Christsein, meine ich, entscheidet sich nicht daran, ob man glaubt, dass Jesus auf dem Wasser gehen konnte. Ich halte das für ein sinnloses Opfer der Vernunft.

Christ ist man, wenn man ihm glaubt, dass man auf seinem Weg gehen kann, und bereit ist, ihm zu folgen, es mit seiner Art zu versuchen.

Es ist eine durchaus vernünftige Frage: Warum haben die ersten Christen, die Jünger diese Geschichte weiter erzählt? Weil sie darin ihre Erfahrungen zusammengefasst sahen, dass man in der Nachfolge Jesu auf seinem Weg bestehen kann gegen alle Widrigkeit des Lebens.

Übrigens hing das Bild vom sinkenden Petrus in Bismarcks Arbeitszimmer: „Das bin ich“, kommentierte er gerne.

Immer wieder braucht der schwache Glaube Hilfe. Und die Geschichte vom sinkenden Petrus ist eine aufbauende Geschichte, die Mut macht.

Den Anstoß zu dieser Deutung hat eine kritische Frage der Vernunft gegeben. Ohne sie wäre es der Bericht von einem schier unglaublichen Ereignis der Vergangenheit geblieben, die mit uns nichts zu tun hat.

*

Viele Menschen sind enttäuscht und sagen: die Kirche bringt mir nichts. Sie bringt mich Gott nicht näher.

Auch als Pfarrer frage ich mich: Was mache ich da eigentlich jeden Tag? Religionsunterricht vorbereiten, Geburtstagsbesuche machen, KV-Sitzungen vorbereiten, Pfarrhaus-Neubau in Gang bringen, Fenster im Gemeindehaus erneuern lassen, predigen  vor 2-3% der Gemeindeglieder ...

Was hat das mit Gott zu tun? Wo spüre ich Gott? Ist  Religion immer nur Zukunftsmusik?

Ich will im Jetzt leben und die Gegenwart Gottes heute spüren und genießen! Das ist ein alter christlicher Wunschtraum. Den hatte auch die Gemeinde in Korinth. Stolz war sie auf die erfahrene Gegenwart des göttlichen Geistes. Den erfuhr sie in ekstatischen Zuständen, im Zungenreden. Bei uns geht im Gottesdienst  die Post ab! Wir sind bereits im Reich Gottes angekommen! Die Auferstehung haben wir geistlich schon hinter uns. Wir sind schon auferstanden mit Christus. Davon waren sie felsenfest überzeugt.

Das erinnert mich an Berichte aus schwarzen Pfingstgemeinden in den USA, diese Begeisterung im Gottesdienst! In Deutschland erlebt man Gottesdienst etwas gebremster (wir haben uns mehr im Griff). Aber das wär´s doch!

Paulus blieb gegenüber dem korinthischen Enthusiasmus sehr reserviert! Er war nicht grundsätzlich ablehnend, er hatte ja selber eigene ekstatische Erfahrungen – aber ihm war wichtig, nüchtern den Glauben und seine Äußerungen zu beurteilen: was nützt so ein Gottesdienst der Gemeinde. Wie geht es dann am Montag weiter?

Soll die christliche Gemeinde eine Insel der Seligen sein? Ist etwa die Christuskirche in Memmingen eine solche?

Immer wieder wurden in der Geschichte der Kirche Versuche unternommen, Ernst zu machen und Konsequenzen zu ziehen, eine ideale Gemeinde zu schaffen (nach dem Muster der Apostel-geschichte 2.42;) Dann bildete sich in einer solchen Gemeinschaft bald ein innerer Kreis der Erlösten – doch Achtung: kommt der ohne Kontrolle und Überwachung aus?

Paulus bleibt im Blick auf das korinthische Treiben vernünftig: wir leben noch nicht im Himmel. Wir leben als Christen hier in der Welt und noch nicht im Reich Gottes.

Er warnt vor christlicher Selbstüberforderung: Ich bin noch nicht im Reich Gottes angekommen
Manchmal wird ein Christ peinlich daran erinnert: zB durch 1,54 Promille.

Paulus hatte auch so einen wunden Punkt. So peinlich dass er ihn nur andeutete und vom „Pfahl im Fleisch“ sprach. Legionen von Bibelauslegern haben daran herum gerätselt: Hatte er Epilepsie? Einen Sprachfehler? War er womöglich homosexuell?

Da konnte man wohl mehr über die Ausleger und ihre Gedankenwelt erfahren als über Paulus.

Wenn wir Christen um die eigene Unvollkommenheit wissen und sie demütig anerkennen, dann hilft uns das,  immun zu werden gegen die  Versprechen von religiösen Paradiesen auf Erden.
Wir glauben nicht an die ideale Gemeinde. Das macht uns erträglich.

*
Religiöses Wissen ist nötig, ist eine gute Grundlage, wenn man mit sensationellen Entdeckungen über die Bibel oder über Jesus konfrontiert wird.

Seit den 70-er Jahren tauchen regelmäßig Bücher und Artikel auf, die behaupten: Jesus starb in Kashmir (Srinagar). Sein Tod war ein Scheintod.

Als Argumente werden aus der Bibel herangezogen:

Joh. 19,33-37; Der Soldat sticht Jesus in die Seite: aus der Wunde fließen Blut und Wasser. Also war Jesus nicht tot.
Lk.24,43;    Der „Auferstandene“ isst Brot und Fisch, also lebt er wie jeder andere Mensch.
Joh. 20,20, 27; Jesus kann berührt werden (von Thomas zB) – also ist er weiterhin körperlich da.

Das leeres Grab deutet darauf hin, dass Jesus lebt (und das Grabtuch von Turin zeigt Blutspuren, die von einem Lebenden gekommen sein könnten)

1894 erschien ein Bericht von Nikolas Notovitch  „Die Lücke im Leben Jesu“. Er behauptet, in tibetanischen Klöstern auf alte Handschriften gestoßen zu sein, aus denen man ihm vorlas: Jesus (arabisch Issa genannt) sei eine Inkarnation Buddhas, geboren  in Israel. Die Weisen aus dem Morgenland hätten Jesus als Inkarnation Buddhas erkannt,

Als 14-jähriger sei Jesus über die Seidenstraße  ins Industal gekommen, habe dort den Hinduismus, dann den Buddhismus aufgenommen.

Er kam zurück nach Palästina, um dort öffentlich aufzutreten, wie im NT dargestellt. Nachdem er von den Juden abgelehnt wurde, sei er über Damaskus, wo er Paulus begegnete, und über Persien zurück gereist und wieder nach Indien/ Kashmir gekommen. Dort sei er in hohem Alter gestorben. Sein Grab könne man besichtigen.

Die Lücken im Leben haben die Phantasie geweckt:

  • Zwischen Jesu Geburt und als er 12 Jahre alt wurde: da habe er sich in in Ägypten aufgehalten, behauptet der sog.  Benanbrief, der 1910 „entdeckt“ wurde. Er soll die Übersetzung einer koptischen Papyrusrolle sein eines ursprünglich  griechisch geschriebenen Briefes aus dem Jahr 83, von einem Arzt Benan, einem Jugendfreund Jesu, als der im ägyptischen Asyl war. Jesus wurde da unterwiesen in ägyptischer Magie und Astronomie.  Der Benanbrief hat sich allerdings als Fälschung erwiesen.
  •     2) Die Lücke zwischen dem 12jährigen Jesus und seiner Taufe im Jordan
             a) Jesus sei zurück gekehrt und habe mit Philo von Alexandria engen Kontakt gehabt.
             b) Jesus sei mit einer Karawane nach Indien gezogen (s.o.)
  • Das sind alles Versuche, das Christentum mit dem Buddhismus und Hinduismus zusammen zu bringen.

    Mein Kommentar dazu:

    Um in Kontakt zur geistigen Welt Persiens und Indiens zu kommen hatte Jesus gar keine Reise dorthin nötig. Denn diese Lehren und Religionen waren längst im römischen Reich angekommen. Über Jahrhunderte hinweg stand das Christentum in Konkurrenz zum persischen Mithraskult. Indische Gedanken gab es im Neuplatonismus und in der Gnosis.

    Jesus ist Jude und er gehört ganz und gar ins Judentum – und gerade das versuchen diese „Entdeckungen“ seit dem Ende des 19. Jahrhunderts zu relativieren.

    Im NT berichten nur Mt und Lk etwas von der Kindheit Jesu, aber völlig unterschiedlich.
    Mk und Joh beginnen überhaupt erst mit der Taufe Jesu.

    Von Ägypten ist nur bei Matthäus die Rede, für den Jesus der 2. Mose ist (5 Reden Jesu bei Mt, und 5 Bücher Mose; Bergpredigt auf einem Berg, wie Mose auf dem Berg Horeb).

    Die Kindheitserzählungen von Mt und Lk sind gleichsam als Ouvertüre zum Evangelium geschrieben: in ihnen klingen alle Themen an, die dann im eigentlichen Evangelium ausgeführt werden.

    Die historisch greifbare Geschichte Jesu beginnt erst mit seiner Taufe (Mk, Joh).

    Wenn also moderne Verfasser die Lücken der Kindheitsüberlieferungen bei Mt und Lk füllen wollen, so sind das zwangsläufig reine Phantasieprodukte. Sie haben den Charakter der Geburts-überlieferung von Jesus überhaupt nicht verstanden!

    Ebenso die Argumentation: Jesus war nur scheintot. Da wird die Symbolsprache des Evangelisten Johannes völlig verkannt, der mit Wasser und Blut auf die Taufe und das Abendmahl hinweisen will.

    *

    Immer wieder wird  Kritik geübt am Kanon der Bibel und behauptet, die Kirche habe alle Schriften, die ihr nicht in den Kram passten, unterdrückt.

    • Der Kanon wurde tatsächlich erst im 4. Jahrhundert festgelegt, also nach der Konstantinischen Wende als die Kirche Staatskirche geworden war. Im seinem Osterbrief  von 367 hat der Kirchenvater Athanasius eine Liste aller neutestamentlichen Schriften erstellt, die in den Gemeinden vorwiegend gebraucht wurden. Diese Liste galt von da an für den ganzen Osten des Reiches. Augustinus übernahm die Liste des Athanasius und ebenso die nordafrikanische Synode von 393.  405 übernahm den Kanon auch Papst Innocens I.
    • Die Kanonbildung (=Auswahl) war schon deutlich früher. Bis zuletzt waren strittig: Der Hebräerbrief und die Offbarung des Johannes.                                                                          Wenn Jesus und die Urchristen von der “Schrift” sprachen, meinten sie selbstverständlich das Alte Testament (das Neue gab es ja noch gar nicht).
  •       Anfang des 2.Jh. kannte man bereits eine Sammlung von Paulus-Briefen.
  •        Um 150 waren die vier Evangelien bekannt. Es gab auch eine Evangelienharmonie, von 
           Tatian.      

           Marcion schuf ca 140 einen eigenenKanon, allerdings eine sehr bewusste Auswahl. Er ließ       nur das Lk- Ev. und 10 Paulus-briefe (ohne Tim, Tit) gelten. Um 170 wurden
         das Joh.Ev und die Joh-Offbarung noch als gnostische Schriften verdächtigt.    

     Um 180 entstand der Canon Muratori: 4 Evv, AG, 13 Pls.briefe, Judas, Offb. Strittig waren noch: Petr.Apok., Hirt d Hermas, apokryphe Paulusbriefe

     Am längsten war man sich unsicher, welche Briefe zum Kanon gehören. Im Westen blieb
     lange der Hebräerbrief strittig.

    Heute hat man eine sehr umfangreiche Kenntnis des außerkanonischen ur- und frühchristlichen Schrifttums.
    Beispiel: Kindheitsevangelium (s.o.).Petrusevangelium und viele andere.

    Wenn man diese Schriften liest, kann man nur zu dem Schluss kommen: Man hat eine sehr gute Entscheidung bei der Festlegung des Kanons getroffen.

    Trotzdem gab es nachträgliche Veränderungen.
    ZB hinsichtlich der Frauen

    Frauen spielen eine auffällige Rolle in den Evangelien: Mk 15, 40f ist von Jüngerinnen die Rede. Bei Lk 8, 1-3 treten Sponsorinnen für die Jesusbewegung auf.

    Und in Joh. 20, 11-18 ist Maria Magdalena die erste Zeugin des Auferstandenen, die sogar den Auftrag zur Verkündigung bekommt!

    In 1.Kor. 15, 5-7; bringt Paulus eine übernommene Liste der Auferstehungszeugen: da findet man schon kein Wort mehr von einer Frau bei den Erscheinungen des Auferstandenen. Wurden deren Namen gelöscht?

    Auch die berüchtigte Attacke gegen die Frauen, die in der Gemeinde zu schweigen hätten, geht nicht auf Paulus zurück (1.Kor.14,33b-36); Sie ist ein klarer späterer Einschub.

    Es ist offensichtlich, dass die Schriften der Bibel bearbeitet wurden, ehe sie als Heilige Schrift unantastbar waren.

    Wer hier gründlich informiert ist, lässt sich nicht so schnell durch angeblich „neue Erkenntnisse“ und „Entdeckungen“ irritieren.

    Wer etwas weiß, kann seinen Glauben begründen.

    Solches Wissen kann helfen, die Entscheidung des Glaubens an der richtigen Stelle treffen zu können: Christ bin ich nicht, wenn ich glaube, dass Jesus auf dem Wasser laufen konnte, sondern wenn ich ihm Recht gebe und ihm auf seinem Weg folgen will.

                           Fundamentalismus -
                   die Sehnsucht nach Sicherheit
                         Vortrag von Pfarrer Rainer Holl
                            
    bei der Gemeindeversammlung 2008

    Schockierende Neuzeit

    „Fundamentalisten“ haben sich Anfang des 20 Jh. fromme Kreise in den USA genannt, die im Siegeszug der Naturwissenschaften und der historisch-kritischen Forschung an der Bibel schwere Gefahren für den Glauben sahen.

    Tatsächlich hatte die Neuzeit eine Reihe starker Erschütterungen des bisher selbstverständlichen christlichen Glaubens hervorgebracht.

    Der Domherr Nikolaus Kopernikus hatte bereits 1543 die Theorie des heliozentrischen Weltbilds veröffent-licht, nach dem die Erde nicht mehr Mittelpunkt des Weltalls ist. Der Astronom Johannes Kepler erbrachte 1618 die mathematischen Beweise dafür. Wir können uns heute kaum noch vorstellen, welche Erschütterung diese Erkenntnisse für die Zeitgenossen bedeuteten: Die gesamte Ordnung der Welt schien ins Wanken zu geraten, man konnte nicht mehr erkennen, was oben und unten ist! Da die Bibel von Menschen geschrieben ist, die im Rahmen des alten Weltbilds dachten, wo man sich die Erde als Scheibe dachte, über der sich das kristallene Himmelsgewölbe spannte und das Wasser der Urflut abhielt, kamen jetzt auch Zweifel an der Bibel auf. Wie sollte man sich jetzt z.B. noch die leibliche Himmelfahrt Jesu vorstellen?

    Die rasanten Fortschritte der Naturwissenschaften und ihre Anwendung durch die Technik brachten neue Verunsicherungen. Ein anschauliches Beispiel dafür ist die Erfindung des Blitzableiters durch Benjamin Franklin 1752. Bisher sah man in einem Gewitter ein göttliches Donnerwetter. Wenn die schwarzen Wolken aufzogen, kniete man nieder und betete den Anfang des Johannesevangeliums, um den Zorn Gottes vom Haus abzuwenden. Wenn der Blitz trotzdem einschlug, sah man es als Zeichen für besondere Schuld, die auf dem Hause lag. Jetzt reichte ein Blitzableiter, um das Haus zu schützen. Die Gebete und Bußgottesdienste brauchte man nicht mehr. War Gott überflüssig geworden?

    Seuchen wie Pocken oder Cholera, die man als Strafen Gottes empfunden hatte, erkannte man als Infektionen, die man mit Impfungen und Medikamenten besiegen konnte. Wo kam da Gott noch vor?

    1859 erschien ein Buch, das neue Erschütterungen für den Glauben vieler Menschen brachte: „Die Ent-stehung der Arten durch natürliche Zuchtwahl“ von Charles Darwin. Jetzt standen die biblischen Über-lieferungen von der Erschaffung der Welt in Frage. Ein Sturm der Entrüstung erhob sich in nahezu allen kirchlichen Kreisen: Der Mensch ist eine eigene Schöpfung Gottes – jetzt soll er auf einmal vom Affen abstammen! (So hatte das Darwin nicht gesagt, aber so kam es an). Es stand Naturwissenschaft gegen Glauben.

    Auch von innen war die Kirche erschüttert worden: Seit G.E. Lessing 1774 die „Fragmente eines Ungenannten“ (die sog. Wolfenbütteler Fragmente) veröffentlicht hatte, war eine neue Sicht der biblischen Überlieferung ausprobiert worden: Man untersuchte die Heiligen Schriften wie ganz normale historische Urkunden, fragte nach ihrem Ursprung, stellte fest, wie der Glaube an einen Gott sich im Lauf der biblischen Geschichte allmählich entwickelte, fand heraus, dass es zwei verschiedene Schöpfungsberichte gab, von denen einer den babylonischen Schöpfungsmythen sehr ähnlich war.. Die Frage der Verfasser der einzelnen Schriften des AT und NT wurde diskutiert und neu beantwortet. Man machte den Versuch, die „echte“ historische Gestalt Jesu dem übernatürlich vergöttlichten Christus der kirchlichen Verkündigung entgegenzustellen.

    Was galt jetzt überhaupt noch?

    Viele Christen waren zutiefst verunsichert und sehnten sich nach Klarheit und Sicherheit des Glaubens.

    Gegenreaktion

    Wie kann man auf solche Entwicklungen reagieren?

    Man könnte sich auf neue Erkenntnisse und Angebote einlassen nach dem Rat des Paulus: „Prüft aber alles, und das Gute behaltet.“ Für solche besonnenen Reaktionen war aber der Schock für viele Christen zu groß gewesen.

    Sie reagierten anders: mit Abwehr, mit dem Rückzug in die Fluchtburrg.

    Diese Burg musste man sich erst bauen. Die aus Kreisen der evangelikalen Bewegung des 19. Jh. herkommenden amerikanischen Christen fanden sich 1919 in der „World's Christian Fundamentals Association“ zusammen. Dort einigten sie sich auf die „Fünf Punkte des Fundamentalismus“, fünf für Christen unaufgebbare, nicht verhandelbare Glaubensaussagen:

    1. Absolute Irrtumslosigkeit der Schrift

    2. Jungfrauengeburt

    3. Stellvertretendes Sühneopfer Christi

    4. Leibliche Auferstehung Jesu

    5. Wiederkunft Christi zur Errichtung seines 1000-jährigen Reiches vor dem Jüngsten Gericht

    Man sieht: Der Hauptgegner der Fundamentalisten ist „die Wissenschaft“.

    Hier entbrannte in den USA sehr bald ein heftiger Kampf:

    In der Kleinstadt Dayton (Tennessee) kam es 1924 zum sog. „Affenprozess“. Der Biologielehrer John T. Scopes setzte gerichtlich die Behandlung der Darwin'schen Entwicklungslehre im Biologoieunterricht durch. Daraufhin verboten einige Staaten der USA die Behandlung der Evolutionslehre im Schulunterricht. Damit trat der Fundamentalismus aus dem religiösen Raum heraus und versuchte Einfluss auf gesellschaftliche und staatliche Institutionen zu nehmen. Das gelang besonders seit den 70er Jahren durch das Aufkommen der sog. „Elektronischen Kirche“ in den USA. Fundamentalistische Prediger gründeten eigene Rundfunk- und Fernsehstationen und hatten damit großen Erfolg, auch finanziell. Bekannt wurden ua Jerry Falwell, Sprecher der Bewegung „Moral Majority“, Pat Robertson, der Betreiber von „Christian Broadcasting Networks“ und Präsidentschaftskandidat 1988 und Jim Swaggart. Beide stehen zusammen hinter der „Ameri-can Coalition for Traditional Values“. Die Wahl der Präsidenten Ronald Reagan und George W. Bush wäre ohne die Unterstützung der religiös-politischen Bewegungen „Moral Majority“ und „New Right“ nicht vorstellbar gewesen.

    Kennzeichen dieses Fundamentalismus sind ein religiös überhöhter Patriotismus, das Bekenntnis zum kapitalistischen Wirtschaftssystem und zum Privateigentum, moralischer Rigorismus und die scharfe Unterscheidung zwischen Gut und Böse („Die Achse des Bösen“ - Bush). Ihr Programm:

    Schutz der traditionellen Familie, Kampf gegen Feminismus und die Gleichberechtigung der Frau, Pornographie-Verbot, strafrechtliche Verfolgung der Homosexuellen, Durchsetzung der Todes-strafe. Die Brand- und Bombenanschläge auf Abtreibungskliniken gingen von fundamentalisti-schen Kreisen aus.

    Fundamentalisten in Europa?

    „Fundamentalist“ ist bei uns schon zu einer wohlfeilen Abstempelung frommer Menschen gewor-den. Um es klar zu sagen: Wer evangelikalen, pietistischen oder charismatischen Kreisen oder Frei-kirchen angehört, ist damit noch kein Fundamentalist. Als innerkirchliche Erneuerungsbewegung hat der Pietismus ökumenische Weite und soziales Engagement in den Protestanismus gebracht.

    Allerdings haben evangelikale Kreise in Deutschland nach dem zweiten Weltkrieg viele Ziele des amerikanischen Fundamentalismus übernommen. Der Streit um Rudolf Bultmann, die Gallionsfigur der historisch-kritischen Theologie, (Stichwort: Entmythologisierung der Bibel) hat weite Kreise in den Kirchen sehr verunsichert und zu ähnlichen Reaktionen wie in den USA geführt. Viel Gedan-kengut aus den USA kam mit Billy Graham nach Deutschland. Der Kampf gegen liberale Strömun-gen verband die evangelikalen, pietistischen und charismatischen Gruppen., wobei die pietistischen die Trennung von den Landeskirchen nicht vollzogen.

    Sie alle halten an der Verbalinspiration der Bibel fest, die also im Urtext direkt von Gott stammt, und darum irrtumslos ist und keine zeitgebundenen Aussagen enthält, die irgendwann überholt wären. (Frage: Hat Jesus von der Existenz der Erdteile Amerika und Australien gewusst?)

    Von daher verwundert die Ablehnung der Darwin'schen Evolutionstheorie nicht. In jüngster Zeit hat die Lehre des Kreationismus auch in Deutschland eine ganze Reihe von Anhängern gefunden. Sie versucht, den biblischen Schöpfungsbericht (welchen? Wohl den mit den sechs Tagen) wissen-schaftlich zu beweisen. Dafür sind eigene „Forschungsinstitute“ gegründet worden.

    Einige Aktionsgruppen haben deutliche Berührungen mit fundamentalistischem Gedankengut:

    „Alarm um die Bibel“, „Bekenntnisbewegung: Kein anderes Evangelium“, „Konferenz Bekennender Gemeinschaften in den evangelischen Kirchen Deutschlands“. Auch evangelikale Privatschulen, in denen die Kinder von den schädlichen Einflüssen modernen Denkens bewahrt werden sollen, müssen hier genannt werden, oder die „Freie Theologische Akademie“ in Gießen.

    Katholischer Fundamentalismus?

    Die Berufung extrem konservativer Bischöfe (in der Schweiz, in Österreich und in Deutschland) seit den 80er Jahren ließen die Öffentlichkeit aufhorchen: Deutete sich da eine neue Modernismus-krise an, wie sie schon im 19. und Anfang des 20. Jh die kath. Kirche erschüttert hatten? Auch päpstliche Lehrschreiben (wie „Humanae vitae“) schienen in diese Richtung zu weisen. Man hatte gehofft, das seit dem II. Vatikanum hinter sich zu haben.

    Pius IX. Hatte Mitte des 19. Jh. den Syllabus, eine Sammlung der Irrlehren der Moderne, veröffent-licht, die mit katholischen Auffassungen nicht zu vereinbaren waren. Ab 1910, unter Papst Pius X., bis kurz vor dem 2. Vatikanischen Konzil 1962-65 mussten alle Priester und Professoren den „Antimodernisten-Eid“ ablegen, in dem sie den modernen Irrlehren abschworen.

    In Gegenreaktion zum 2. Vatikanum wurden rückwärts gewandte Strömungen stark, die sich vor allem mit dem Erzbischof Lefebvre verbanden. Der alte Katholizismus des Konzils von Trient aus dem 16. Jh. wurde zum Maß der Kirche, vor allem die Wiedereinführung der lateinischen Sprache in der Messe und die Ablehnung der Handkommunion wurden angestrebt. (so bei den Marien-kindern in Mindelheim und Wörishofen). Extrem konservative Priesterbruderschaften ( „St.Pius X.“ oder „St. Petrus“mit einem Priesterseminar in Wigratzbad) wurden gegründet. Das „Engelwerk“ und das „Opus Dei“, die „Katholische Pfadfinderschaft Europas“ oder auch der polnische Rundfunksender „Radio Marija“ gehören in den weiten Umkreis fundamentalistischer Strömungen in der kath. Kirche der Gegenwart. Fragen der Sexualmoral stehen bei all diesen Gruppen im Vordergrund: hier ist vermintes Gebiet – von den Fragen der Geburtenkontrolle bis zum Problem wiederverheirateter Geschiedener.

    Islamischer Fundamentalismus

    Dieses Stichwort dominiert heute die Schlagzeilen. Hier sehen wir geradezu den Inbegriff dessen, was Fundamentalismus bedeutet.

    Er hat die gleichen Quellen wie der christliche Fundamentalismus: eine tiefe Verunsicherung.

    Im 19. Jahrhundert zerfiel die letzte islamische Großmacht unter dem Druck konkurrierender neuer Kräfte: das Osmanische Reich, das einmal Gebiete von drei Kontinenten umfasst hatte, wurde bedeutungslos und schrumpfte zum Nationalstaat Türkei.

    Westliche, europäische Mächte gewannen die Oberhand. Sie wurden zum Vorbild in Wissenschaft, Technik und Politik. Die Eliten der islamischen Länder studierten in Paris, London und Berlin und versuchten, ihre Länder nach dem Modell der Industriestaaten zu Reichtum und neuer Bedeutung zu führen. Das misslang vollständig. Die Kluft zwischen Orient und Okzident wurde immer tiefer. Man fühlte sich betrogen, wirtschaftlich ausgebeutet und – sichtbar an den Niederlagen gegen Israel – im Nationalgefühl gedemütigt. Experimente mit dem Sozialismus (Gamal Abdel Nasser in Ägypten oder die Baath-Partei in Syrien und Irak) führten auch nur zu neuen Abhängigkeiten, jetzt von Moskau, statt von der Wall-Street. Nicht einmal das von den Industriestaaten dringend benötigte Öl machte die Länder des Nahen Ostens frei und unabhängig.

    Rettung schien vielen Moslems allein die Abkehr vom falschen Westen zu verheißen und die Rückkehr zur angestammten islamischen Kultur mit ihrem Recht und ihren Werten, also zu den Idealen des Anfangs.

    Die erste Bewegung in dieser Richtung war die 1928 in Ägypten von Hassan al Banna gegründete Moslem-Bruderschaft. Seither ist eine unübersehbare Fülle der verschiedensten Gruppierungen mit dem Ziel der Re-Islamisierung der Gesellschaft entstanden. Nicht wenige kennen wir aus den Nach-richten, von der Hizbollah über die Islamische Heilsfront in Algerien bis zu Al-Qaida.

    Der Qur'an, Gottes abschließendes Wort an die Welt

    Anders als die Bibel mit historischen Büchern, Prophetenworten, religiösen Liedern, Briefen, Gebeten und Visionen, entstanden in 1 ½ Jahrtausenden, enthält der Qur'an – außer drei Gebeten – nur prophetische Aussagen. Nur das, was Gott dem Propheten offenbarte, ist niedergeschrieben und gesammelt worden. Der Zeitraum dieser Offenbarungen umfasst zwei Jahrzehnte. Sie wurden auf Palmblättern, Tonscherben, Pergamentstücken von schreibkundigen Begleitern Mohammeds niedergeschrieben und unter dem Kalifen Othman zu einem Buch zusammengefügt. Nach seiner Fertigstellung wurden alle anderen Versionen der Offenbarungen an Mohammed, die noch in Umlauf waren, vernichtet. Man wollte so alle Streitigkeiten um die Worte Gottes vermeiden.

    Da viele Buchstaben der altarabischen Schrift mehrdeutig waren, standen die Ausleger des Qur'an vor großen Problemen: Wie könnte der wirkliche Wortlaut gewesen sein?

    Eine historisch-kritische Erforschung des Qur'an ist für islamische Theologen undenkbar, lediglich eine Einteilung in frühe Suren aus Mekka und spätererer aus Medina wurde vorgenommen.

    Der Qur'an darf im Gottesdienst nur in arabischer Sprache rezitiert werden, denn das ist die Sprache der Offenbarung. Jeder Buchstabe ist von Gott offenbart. Auch in den Qur'an-Schulen lernen die Kinder den Inhalt auf Arabisch.

    Die wörtliche Gültigkeit des Qur'an lässt keine Berücksichtigung der historischen Umstände zu. Gottes Wort ist ewig. Versuche, den Qur'an auf heutige geänderte Verhältnisse zu beziehen, wie das etwa die persischen Volksmujaheddin unternehmen, werden leidenschaftlich als Aufweichung bekämpft. So gelangt man schnell in die Geleise des Fundamentalismus.

    Die Sharia – Religion umfasst das gesamte Leben

    Im Islam kommt zum Qur'an die Tradition, die sog. Sunna (wie in der kath. Kirche zur Schrift die Tradition kommt). Dazu gehören die mündlich überlieferte Lebensbeschreibung des Propheten und die Überlieferung seiner Aussagen, soweit sie als zuverlässig gelten können. Auf diesen Quellen baut das Gottesgesetz, die Sharia, auf, ein Gebäude, das durch die Arbeit von Gelehrten aus vielen Jahrhunderten errichtet wurde. Darin fallen Religionsgesetz und das öffentliche Recht zusammen. Religion und Politik sind im Islam nahtlos verbunden, wobei der Sharia der Vorrang vor der Theologie zukommt. Die Sharia ist der Islam.

    Der Islam gilt somit als ein vollkommenes System, das sämtliche Belange des menschlichen Lebens erschöpfend und unüberholbar gut regelt.

    Ayatolla Khomeini hat daraus den Schluss gezogen, dass in einem islamischen Staat wie Iran, die Gottesgelehrten die oberste Entscheidungsgewalt in allen politischen Fragen haben müssten.

    In einer ganzen Reihe von islamischen Staaten wurde in letzter Zeit die Sharia wieder eingeführt:

    Libyen (allerdings in spezieller Weiterführung durch Ghaddafi) Pakistan, Sudan, im islamischen Norden Nigerias.

    Man kann sich vorstellen, welchen Bruch es bedeutet hatte als in der neu begründeten Türkei Kemal Atatürk 1924 die Sharia abschaffte, die islamischen Gerichte auflöste, und das italienische Straf-recht und das Schweizer Bürgerliche Gesetzbuch einführte – in einem islamisch geprägten Land!

    Man kann sich auch vorstellen, dass die vom Westen gut gemeinten Schulen, die in Afghanistan wieder eröffnet wurden, besonders die Mädchenschulen, von den fundamentalistischen Taliban als Kriegserklärung an die islamische Kultur verstanden und bekämpft werden, da ihre Lehrpläne ja westliches Gedankengut vermitteln.

    Jüdischer Fundamentalismus

    Auch in Israel führte eine tiefe Verunsicherung und Ratlosigkeit zum Aufkommen eines extremen Fundamentalismus. Der Yom-Kippur-Krieg 1973 hatte für die israelische Öffentlichkeit mit einer psychologischen Niederlage geendet. Der ägyptische Angriff am Suez-Kanal hatte die siegesge-wohnte Nation völlig unvorbereitet getroffen. Der schließlich doch noch errungene militärische Sieg hatte viele Opfer gefordert. Die Grundüberzeugungen Israels waren ins Wanken geraten. In dieser Situation entstand die Bewegung „Gush Emmunim“ (Block der Gläubigen), die sich gegen den bisherigen laizistischen und sozialistisch geprägten Zionismus richtete. Sie wollten die Rejudaisierung Israels und die Ausweitung der Grenzen des Waffenstillstands von 1948. Ihre Organisation wurde erst zerschlagen, als sich herausstellte, dass sie Studenten der islamischen Universität Hebron ermordet und Sprengstoffanschläge auf die arabischen Bürgermeister in Ramallah, Bir-Zeit und Nablus verübt hatten. Außerdem hatten sie Pläne ausgearbeitet, den Felsendom und die Al-Aqsa Moschee in Jerusalem zu sprengen, die drittheiligste Kultstätte des Islam. Der Rückschlag für die Gush-Emmunim machte jedoch den Weg frei für andere ultra-orthodoxe Gruppen, an denen nun keine Regierung mehr vorbei kommt.

    1977 erlitt die Arbeiterpartei Israels eine schwere Niederlage und wurde zum ersten Mal in der Geschichte des Staates aus der Regierung verdrängt. Neuer Premierminister wurde Menachem Begin vom rechten Likkud-Block.

    Am 4. November 1995 wurde der israelische Ministerpräsident Jitzhak Rabin von einem extremisti-schen Studenten ermordet. Er stand der Moledet-(Heimat-) Partei nahe, die die militanten Siedler der Westbank und der Golanhöhen mit ihrer messianischen Lehre unterstützte: „Jeder Fußbreit die-ses Landes ist Gottes Land – liegt es in unserer Macht, auch nur einen Millimeter preiszugeben?“.

    Gefährlicher Fundamentalismus

    Wenn politische Ziele religiös begründet werden, entsteht Unheil. Dann gibt es keine Gespräche oder Verhandlungen mehr, weil man ja in höherem Auftrag handelt. Wer die eigenen Auffassungen nicht teilt, muss bekämpft werden, notfalls mit einem Heiligen Krieg. Darin sind alle extremen Fundamentalisten gleich. Es ist die Logik des Terrorismus, der ja die Welt vom Bösen befreien will. Die Attentäter des 11. September 2001 fühlten sich als Vollstrecker der Gerechtigkeit als sie die Symbole der Weltwirtschaft und der Weltmacht USA angriffen, ebenso wie die Mörder von H.M. Schleyer oder der Fanatiker, der Jitzhak Rabin erschoss.

    Fundamentalismus ist der Wahn, im alleinigen Besitz der Wahrheit zu sein. Er hat gerade nichts mit Glaubensgewissheit zu tun, sondern mit einem verbissenen Streben nach Befreiung von allen Zweifeln und nach einer 100-prozentigen Sicherheit, die es aber in dieser Welt nicht gibt. Oft sucht er das Heil in einer scheinbar idealen Vergangenheit. Aber die ist vorbei – und war nie ideal, wie man allerdings erst bei genauem Hinschauen merkt.

    Manchmal richtet sich der Fundamentalismus in die Zukunft, wenn er eine neue, bessere Welt schaffen will, von der er genau weiß, wie sie aussehen wird. Sein Kennzeichen ist die Ungeduld, mit der er die erhofften Veränderungen beschleunigen will. Dabei geht es nicht ohne Säuberungen ab: Wer dem Glück der Menschheit im Wege steht, muss weg.

    Beide Spielarten haben die Religionsgeschichte und auch die Kirchengeschichte begleitet.

    Die letzten Lebensjahre Martin Luthers waren von einem flammenden Hass auf die Juden gezeichnet: Sie hatten sich nicht einmal durch ihn nicht von der Wahrheit des Evangeliums überzeugen lassen. Aber als Luther gestorben war, fand man neben seinem Bett einen Zettel, auf den er die Worte gekritzelt hatte: „Wir sind Bettler, das ist wahr.“

    Dem kann ich nichts mehr hinzufügen.

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